Warum Favre am Saisonende gehen sollte (Supercup-Nachtrag)

Innerhalb von zehn Minuten ruiniert Lucien Favre eine Mannschaft, die im Begriff war den FC Bayern zu schlagen. Im Gegensatz zu manch anderen nervt mich das auch heute noch, einen Tag nach der 2:3-Niederlage im Supercup. Grund genug, meine am Sonntag über Favre geäußerte Kritik ein wenig zu ergänzen.


Bis zur 68. Minute lief es überraschend gut. Überraschend, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass der BVB in diesem Superdupercup überhaupt mithalten könnte. Daher war es mir vor dem Spiel auch egal, als Favre bei DAZN sagte, dass der eine oder andere Spieler zum Einsatz käme, der zwar aktuell nicht zur ersten Elf gehört, in den kommenden Wochen aber noch wichtig werden könnte. Da stimme ich ihm sogar zu, Rotation ist angesichts des Programms, das auf Schwarzgelb wartet, durchaus wichtig. Also standen da gestern Abend eben auch Mo Dahoud und Felix Passlack in der Startelf.


Diese elf Spieler machten einen wirklich guten Job gegen die Bayern. Sie hatten das Spiel weitestgehend im Griff und präsentierten sich deutlich besser als in den meisten anderen Partien, wenn es in den letzten Jahren gegen den FC Bayern ging. Gut, beim eigenen Eckball, der in einem Kontergegentor endete, hätte ich im Nachhinein gerne noch ein oder zwei Jungs mehr zur Absicherung hinten gesehen, aber geschenkt. Selbst das 0:2 war so ein Tor, bei dem es einfach ein bisschen unglücklich lief. Und so lag man nach einer guten halben Stunde trotz eines eigentlich souveränen Auftritts hinten.


Der Unterschied zu sonstigen Auftritten gegen Bayern München war aber, dass ich nicht das Gefühl hatte, dass die Mannschaft nun auseinanderbricht und sich ihrem Schicksal ergibt. Ganz im Gegenteil sogar. Die von Favre vorgegebene Taktik ging auf. Selbst diese blöden Gegentore gingen nicht auf seine Kappe. Die Jungs hielten am Spielkonzept fest und bewahrten Ruhe. So kam der Anschlusstreffer von Julian Brandt noch vor der Pause auch nicht unerwartet. Er war das Resultat einer guten Leistungen, die Borussia Dortmund an diesem Abend zeigte. Der Ausgleich – nur eine Frage der Zeit.


Und eine Sache für Erling Haaland. Mit ihm haben wir eine echte Waffe im Angriff. Mal abgesehen von seinem Ausgleichstreffer strahlt er einfach immer Torgefahr aus. Egal, wo er auf dem Platz steht, die Verteidiger müssen ihn zwangsläufig im Auge behalten, weil er mit seinem Körper und seiner Athletik zu jedem Zeit und aus jeder Position heraus für ein Tor gut ist. Das hat man auch gestern Abend wieder gesehen. So kann Haaland selbst ohne etwas zu machen dafür sorgen, dass andere Spieler mehr Raum bekommen – und wenn es am Ende nur ein oder zwei Meter sind. Mit Haaland auf dem Platz war der Führungstreffer jetzt ebenfalls nur noch eine Frage der Zeit.


Und dann nahm Favre ihn in der 68. Minute vom Feld.


Der Haaland-Ersatz: Reinier Jesus Carvalho. Der ist zwar durchaus Offensivspieler, aber bei weitem kein Mittelstürmer – und erst recht kein Erling Haaland. Offensichtlich war es Favre in dem Moment aber wichtiger Haaland zu schonen als unsere Lebensversicherung an diesem Abend wenigstens noch für ein weiteres Tor auf dem Platz zu lassen. Ich habe diesen Wechsel nicht verstanden und ich werde ihn wohl auch nicht verstehen. Für mich ist das aber der Zeitpunkt, der diese Supercup-Niederlage einläutete. Und dabei war ich erst noch froh, dass Favre zum gleichen Zeitpunkt Meunier durch Schulz ersetzte.


Da standen die schwarzgelben Jungs jetzt also, gänzlich ohne Torjäger, was man ihnen auch anmerkte. Nur ein paar Minuten später der nächste Wechsel: Favre nimmt auch Reus runter. Insofern verständlich, dass man ihn nicht mehr belastet als unbedingt nötig, aber eben auch ein relevanter Spieler im Mannschaftsgefüge. Und schließlich dann noch Hummels und Brandt. Letzterer hatte zwar das Anschlusstor gemacht, fiel aber auch einige Male nicht so positiv auf. Doch mir geht es um Hummels. Der hat mit Emre Can die Defensive zusammengehalten. Tja, damit waren drei Köpfe plötzlich nicht mehr da.


Innerhalb von zehn Minuten hat Favre die Hälfte der Feldspieler ausgetauscht. In einer Phase, in der Borussia Dortmund gerade dabei war dieses Spiel für sich zu entscheiden. Unpassender ging es kaum. Auf einmal stand die Regeneration einiger Spieler über einem Sieg gegen die Bayern. Der 2:3-Gegentreffer war die logische Konsequenz. Auch einen Tag später sind diese fünf Auswechslungen für mich fast schon ein Gewaltakt an einer endlich mal gut funktionierenden Mannschaft.


Die ganze Situation zeigt deutlich, was Favre fehlt: der unbedingte Wille zum Sieg. Es mag nur der DFL-Supercup gewesen sein, aber es ist bezeichnend, wie er diesen Sieg wissentlich weggeworfen hat. Da opfert er wohl zugunsten einer Bundesliga, in der die Vizemeisterschaft für den BVB ohnehin Minimum und Maximum zugleich ist, einen Pokal und einen Sieg gegen den größten Rivalen. Ein katastrophaleres Zeichen kann man kaum senden. Ich hoffe wirklich, dass es das wert war. Aber ich glaube kaum, dass uns diese Auswechslungen in der Liga nun einen Vorteil verschaffen werden.


Lucien Favre ist ein guter Trainer und er hat uns seit seinem Amtsantritt vorangebracht. Der gestrige Abend hat mir aber noch einmal gezeigt: Er ist nicht der Trainer, mit dem wir die wirklich großen Ziele erreichen werden.

Kommentare 8

  • Es war alles andere als ein schlechtes Spiel. Das genau in dem Moment, als daraus ein richtig gutes hätte werden können, denn den Buyern war eine gewisse Nachwirkung des TSG-Spiels deutlich anzumerken, ... beendet wurde!?!
    Niemand, mit dem ich gesprochen oder geschrieben habe, hat die Wechsel verstanden. Schonung für wichtigere Spiele? Ganz sicher muss Trainer das tun, wenn Spieler erschöpft oder gar angeschlagen sind. Aber wer von den Heruntergenommenen war das eine oder das andere?
    Ich will den Suppencup gewiss nicht überhöh'n, aber muss man ihn wegschmeißen?
    Dabei geht es noch nicht mal um die Frage, mehr Lust am Gewinnen als Angst vor'm Verlieren auf'm Platz zu haben. Denn letztere hatte es zu keinem Zeitpunkt, bis ...

    • Genau das nervt mich so. Da wurde ein Sieg gegen die Bayern völlig unnötig und sinnlos weggeworfen. Und mal ehrlich, Haaland wirkte auf mich jetzt nicht wie ein Spieler, den man unbedingt schonen musste. Sowas kann ich bei Reus verstehen, der gerade erst wieder fit geworden ist.


      Beim 4:0-Sieg heute gegen Freiburg hätte man ihn viel eher schonen können. Zumal das heute – bei allem Respekt für Freiburg – mit oder ohne Haaland ein Pflichtsieg war. Aber nach dem 3:0 hätte man ihn eben auch auswechseln können. Das wäre deutlich sinnvoller gewesen.


      Aber Favre scheint den Supercup nicht sonderlich ernst genommen zu haben.

  • Super auf den Punkt gebracht.

    Oder, um das Pferd von hinten aufzuzäumen: Für S03+1 wäre LF eine Art Heilsbringer, da bin ich mir sehr sicher. Gut also, dass er momentan nicht auf dem Markt ist.

    • Ich glaube auch nicht, dass Lucien Favre nach Dortmund auf Schalke unterschreiben würde. Eher wird er wieder einen Verein auf einem ähnlichen Niveau finden. Selbst Peter Bosz hat mit Bayer Leverkusen nach seiner Zeit beim BVB einen guten Arbeitgeber gefunden. Thomas Tuchel macht in Paris einen super Job. Also im Grunde ist Dortmund für fast jeden Trainer ein Sprungbrett.


      Aber vielleicht findet Schalke noch mal einen unserer ehemaligen U23-Trainer.

  • Danke!

    • +1

    • super 1++++++

      ich könnte kot....en

      zwei meisterschaften versaut und jetzt das...................................usw.

      sein vorhaben pokal wird auch scheitern da bin ich mir sicher

      mfg.reinhard

    • icke54


      Favre hat nicht zwei Meisterschaften versaut. Gerade in der letzten Saison waren die Bayern immer zu weit weg, als dass wir da irgendwas verspielt hätten. Ich sehe es auch gar nicht als Pflicht an, zu sagen, dass wir vor den Bayern landen müssen. Wenn die eine Saison mit über 80 Punkten spielen, wird es für uns so oder so sehr schwer. Für uns sollte das Ziel sein, 75 bis 80 Punkte pro Saison zu holen. Schafft man das konstant, kann man auch den FC Bayern angreifen, sollte der mal unerwartet Federn lassen.


      Ich habe hier aber auch schon oft genug hervorgehoben, was wir Favre zu verdanken haben. Kaum ein Trainer hätte diese Mannschaft nach Bosz/Stöger wieder so schnell in die Spur und zu einem Top-Team geformt bekommen. Ja, mich hat das Supercup-Spiel angekotzt, aber wir haben mit Favre einen der besten Trainer der Liga. Mir geht es darum, dass wir nach drei Jahren einen neuen Impuls brauchen, um diese jetzt schon sehr gute Mannschaft zu einem echten Titelkandidaten zu machen.