Warum Favre am Saisonende gehen sollte

Alles hat ein Ende. Auch die Zeit von Lucien Favre bei Borussia Dortmund.


Als Favre 2018 nach Dortmund kam, hätte es keinen besseren Trainer geben können. Gut, das habe ich damals anders gesehen, da hätte es für mich einige bessere Trainer geben können. Aber nun, gut zwei Jahre später, muss man anerkennen, was Favre mit diesem Team erreicht hat. Der Verein hat sich im Grunde zum FC Bayern hinter dem FC Bayern entwickelt. Wenn wir nicht aufpassen, können wir uns demnächst Rekord-Vizemeister nennen. Das ist Favres Verdienst und den kann man ihm kaum hoch genug anrechnen.


Nach einer katastrophalen Saison, die mit schönem Offensivfußball ohne Ergebnisse unter Peter Bosz begann und mit grauenvollem, aber letztlich erfolgreichem Fußball unter Peter Stöger endete, brachte Favre frischen Wind in die Sache. Die Spieler waren begeistert, wie der neue Trainer sie mit Kleinigkeiten besser machte. Die Fans waren spätestens nach den ersten paar Spielen genauso begeistert. Deutscher Meister wird nur der BVB – dachte man nach dieser unfassbaren Hinrunde zumindest. Favre hatte das, wofür eigentlich Jahre geplant waren, in wenigen Wochen geschafft. Schwarzgelb war Titelanwärter.


Nun ja, wir wissen alle, wie es endete. Dabei endete es nicht mal schlecht. Dass es doch nicht ganz zur Meisterschaft reichte, lag an vollkommen unnötigen und unerwarteten Niederlagen. Ein 1:2 in Düsseldorf, ein 3:3 nach Drei-Tore-Führung gegen Hoffenheim, eine unangenehme Derby-Pleite – oder auch ein 1:2 gegen Augsburg, obwohl die Statistik am Ende 72 Prozent Ballbesitz für den BVB auswies. Wie konnte das denn passieren?


Die Frage, die sich damals schon alle stellten, stellen wir uns heute, anderthalb Jahre später, schon wieder. Wie so oft. Und wie so oft ist die Antwort immer noch die gleiche. Es fehlt an Lösungen auf dem Platz, wenn die Tore eben nicht so einfach fallen wollen wie sonst. Manchmal hat man noch Glück, wenn Reus oder Sancho mit einer Einzelaktion noch was retten können, wenn Bürki mal wieder einen Sahnetag erwischt oder der Gegner selbst nicht so genau weiß, was er da überhaupt tut.


Der FCA wusste gestern ganz genau, was er da tat. Tief stehen, dem Gegner sowohl den Ball als auch das Spielfeld überlassen, kompakt und konsequent verteidigen. Das schöne Spiel schlichtweg kaputtmachen und darauf hoffen, vorne den Lucky Punch zu landen. Tja, es hat schon wieder geklappt. So, wie es auch schon anderen Mannschaft gelungen ist. Wenn man nicht gerade Bayern München ist und den BVB mit fünf Toren rasiert, muss es eben anders gehen – und zwar so.


Diese Hilflosigkeit der gesamten Elf ist exemplarisch für das Problem, das Dortmund seit Jahren mit sich herumschleppt. Nun kann der Trainer in der Halbzeit oder durch Wechsel schon noch eingreifen, um das Spiel noch zu kippen. Auch Favre ist das schon gelungen. Aber viel zu oft gelingt das eben nicht. Dann bleiben Punkte liegen, die am Ende dafür sorgen, dass halt nicht um Titel mitgekämpft werden kann. Das ist, gemessen an den eigenen Ansprüchen, zu wenig. Das ist auch, gemessen am Kader, zu wenig.


Genau dieser Kader ist in den letzten Jahren immer besser geworden. Haaland und Sancho sind absolute Top-Spieler, die in ganz Europa begehrt sind. Hummels und Reus sind herausragende Führungsspieler, an denen sich gerade die jungen Spieler orientieren können. Von denen hat der BVB auch einige europaweit begehrte Talente wie Bellingham und Reyna. Die Mischung ist eigentlich perfekt. Betrachtet man Qualität und Quantität des Kaders ist es schwer verständlich, wieso aus der Favre-Zeit bisher nur ein Supercup-Sieg zu Buche steht.


Borussia Dortmund schafft es nicht, den letzten Entwicklungsschritt zu machen: aus einer sehr guten eine titelfähige Mannschaft zu formen. Das vorhandene Spielermaterial würde diesen Schritt mittlerweile zulassen. Das Problem muss woanders liegen. So kommt man zwangsläufig zum Trainer. Der hat nichts falsch gemacht. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass diese Mannschaft bei 99 Prozent steht, es mit Favre aber nicht schafft, das letzte Prozent abzurufen.


Es gibt keinen Grund, Favre zu entlassen. Es gibt aber auch nicht so viele Gründe, warum man mit Favre weitermachen sollte. Da kommt das Vertragsende gerade richtig. Beide Parteien können ohne schlechtes Gewissen auseinandergehen. Es ist ein guter Zeitpunkt, mit einem neuen Trainer einen neuen Impuls zu geben. Jetzt hat man die Zeit, nach einem geeigneten Nachfolger zu suchen. Das kann schiefgehen, klar. Favre ist eine sichere Bank. Das kann aber auch klappen – damit es diese hochtalentierte Mannschaft doch mal schafft, die 100 Prozent abzurufen. Dann sind auch die Bayern angreifbar.

Kommentare 8

  • Problematisch ist, dass sich die Emotionslosigkeit 1:1 auf die Mannschaft überträgt.

    Wenn ich die leeren Blicke und hängenden Schultern nach Rückständen sehe, kriege ich die Wut.

    Kein Aufbäumen - nichts. Wie auch, wenn nicht die geringsten Impulse von außen kommen.

    Einzig Haaland versprüht einen Funken Kampfgeist, aber der wird ja nicht angespielt, bevor man nicht mindestens 10x den Ball hin- und hergeschoben hat. Kurz vor Schluss bei Rückstand mal "Langholz" auf Haaland? Um Gottes Willen - lieber nochmal zu Bürki zurückpassen. Und zur Krönung kriegt man nach dem Spiel zum x-ten Male seine Geduldsphrasen um die Ohren.

    Das Traurige ist, dass ich mich mittlerweile genauso anstecken lasse. Gegen Gladbach zum Beispiel habe ich gegen 23 Uhr mal kurz geguckt, wie es ausgegangen ist - früher undenkbar. Auch verspüre ich momentan nicht die geringste Lust ins Stadion zu gehen und das hat nicht nur mit Corona zu tun, sondern ist ein schleichender Prozess. Mir geht es weiß Gott nicht um Titel, aber ich will endlich wieder Leidenschaft. Wir bringen es fertig, trotz Abonnement auf den 2. Platz, zur grausten Maus der Liga zu verkommen. Ich bete, dass der nächste Trainer wieder in der Lage ist Feuer und Leidenschaft zu entfachen. Auf dem Platz und im Umfeld.

    • Wir wussten 2018 aber, dass wir mit Favre niemanden bekommen, der laut ist. Er ist mit seiner Art und Weise erfolgreich, das hat er oft genug unter Beweis gestellt. Ich erinnere mich auch zu seinen Gladbacher Zeiten nicht daran, ihn mal sehr emotional und lautstark an der Seitenlinie erlebt zu haben.


      Trotzdem glaube ich nicht, dass er dann teilnahmslos ist. Er macht sich schon Gedanken darüber, wo er taktisch ansetzen kann, damit sowas im nächsten Spiel nicht mehr passiert. Er kann Spiele eben nur nicht mehr rumreißen, wenn seine Taktik nicht aufgeht. Da, wo Klopp und teilweise sogar Tuchel an der Seitenlinie ausgerastet sind und die Spieler damit angesteckt haben, bleibt Favre eben ruhig.


      Mir persönlich ist in Bezug auf Borussia Dortmund aber auch einiges an Feuer verloren gegangen. Wirklich emotional verfolge ich nur noch selten Spiele. Da habe ich sogar mehr mit Tuchel und Paris im Champions League-Finale mitgefiebert. Ein neuer, ein vielleicht wieder sehr emotionaler Trainer, würde in Dortmund nicht nur der Mannschaft, sondern dem gesamten Verein guttun, glaube ich.

    • Richtig, man wusste es schon vorher und ich habe vom ersten Tag an gesagt, dass Favre nicht nach Dortmund passt. Da sind mir auch alle Punkterekorde schnuppe. Der Rasen muss brennen - das ist alles was zählt und da ist mir eigentlich auch egal, ob der Trainer ein Rumpelstilzchen, oder eine Schlaftablette ist. Nur wenn sich die Schlafmützigkeit auf die Mannschaft überträgt, dann hört bei mir der Spaß auf.

    • Ich schätze mal, nachdem der Rasen davor unter Peter Bosz sprichwörtlich gebrannt hat, waren Watzke und Zorc froh, mit Favre etwas Ruhe im Verein zu haben. Ich glaube auch, das war zum damaligen Zeitpunkt richtig. Einen Entertainer hätte man nur wieder mit Klopp verglichen. So langsam darf es dann aber gerne wieder emotional und hitzig werden. Etwas mehr Feuer, um jedes Spiel mit 100 Prozent anzugehen und die Bayern anzugreifen.

  • Bin ja auch der Meinung, dass da gefühlt immer mehr im Kader steckt als die Punkteausbeute zeigt.


    Aber man kann Favre soviel wegwünschen wie man möchte. Ich sehe tatsächlich kaum eine sonderlich realistische Alternative auf dem Trainermarkt, wo ich sagen müsste "Der holt auf jeden Fall mehr aus dieser Truppe raus". Die Probleme sind wie angesprochen seit Jahren die gleichen und das bekamen unterschiedlichste Trainertypen nicht aus der Mannschaft getrieben.


    Wo ist also das Problem?

    Man kann jetzt darüber philosofieren, ob unsere Vereinsspitze mehr Überzeugung vorleben sollte, wirklich etwas reißen zu wollen, so dass quasi der gesamte Verein davon infiziert wird. "Wir wollen Meister werden!" hat aber letzte Saison wieder nicht ausgereicht. Und das ist wirklich ein schmaler Grat zwischen Ambitioniert und Hochmut.

    Das letzte Mal, dass ich wirklich eine gewisse Überzeugung gehört habe, dass man was reißen möchte, war damals während der ersten Saison mit TT. Gereicht hat das aber trotzdem nicht, aber man war zumindest in der Liga extrem gut unterwegs. Auch wenn diese Mannschaft den Punkterekord trotzdem leichtfertig liegen ließ, als die Meisterschaft vorzeitig entschieden war. Selbst 15/16 blieb am Ende das Gefühl hängen nicht alles bis zum Schluss gegeben zu haben.


    Ich kenne die Lösung zu diesem Problem leider nicht. Es ist für mich jetzt auch nicht so, als würde ein anderer Trainer direkt genau das gleiche erreichen wie Favre. Da wurde ja schon eine gewisse Messlatte gelegt, die nicht jeder Trainer packt.


    Ich weiß nicht, ob man Favre noch 2-3 Jahre länger hier halten sollte. Länger als 3-5 Jahre ist ja auf der Position ziemlich branchenunüblich. Ich denke schon, dass ein frischer Wind da wieder neue Sachen in Bewegung setzen kann. Aber ob dieser Wind besser erst 2021, 2022 oder 2023 hier herfegt weiß ich nicht. Da wir kurz vor einem riesigen Umschwung stehen wegen Watzke und Zorc bin ich nicht sicher, ob man Favre vielleicht alleine nur als Konstante für etwas länger binden sollte. Denn auf uns kommen bereits abseits vom Trainer riesige Veränderungen zu.

    Und mit Favre hat man hier zumindest einen Trainer der tatsächlich funktioniert. Sicherlich jetzt nicht unsere hochgesteckten Träume erfüllt, aber die Mannschaft in ruhigen Gewässern fährt.

    • Ich habe bewusst keinen Trainer genannt, den ich für eine Verbesserung zu Favre erachte. Ich glaube auch gar nicht, dass wir nach einem besseren Trainer suchen müssen. Mir geht es darum, dass ein neuer Mann an der Seitenlinie eben auch neue Ideen mitbringt und Impulse gibt. Das ist etwas, wovon ich mir einen Fortschritt erhoffe. Favres Vertrag läuft auch erst in neun Monaten aus. Genug Zeit, um nach einem geeigneten Nachfolger zu suchen. Da kann man ggf. sogar nach jemandem suchen, der woanders noch unter Vertrag steht. Schließlich hat man noch keinen Druck, einen neuen Coach finden zu müssen.

  • Kann dem nicht zustimmen. Wir sind unter Favre in den Spielen, wo sich der Gegner hinten reinstellt, deutlich besser unterwegs als unter Stöger, Bosz, Tuchel und auch zuletzt unter Klopp. Das ist natürlich auch nicht immer der Fall, aber wenn ich mich zurück denke, dann fallen mir unter Favre viele Spiele ein, die wir noch gewonnen haben.


    Gegner bespielen uns mittlerweile anders als noch vor 10 Jahren. Die ganze Liga ist doch mittlerweile nur noch mit Destruktiv-Fußball unterwegs. Trotzdem schaffen wir es auch in den Spielen häufig vor das Tor.Und meistens haben wir auch die Kaltschnäuzigkeit, um das für Tore zu nutzen. Gestern hatten wir auch Chancen.


    Für mich ist das Jammern auf ganz hohem Niveau, was bei uns passiert. Solche Spiele wie gestern wirst du nie komplett eliminieren können. Mit keinem Trainer der Welt.


    Was nicht heißt, dass man nichts daraus lernen kann. Für mich müssen die Spieler lernen mit Frustration umzugehen und nicht in Schönheit zu sterben.


    Davon ab: Ich wäre auch für einen neuen Trainer. Nach der Saison.

    • Ich weiß auch, dass wir einige Spiele unter Favre trotz schwieriger Bedingungen noch gewonnen haben. Aber ich erinnere mich auch an genauso viele Partien, die komplett in die Hose gegangen sind. Die Gegner wissen, dass sie gegen uns nur erfolgreich das Spiel zerstören müssen, um Erfolg zu haben. Wir wissen das auch seit Jahren, trotzdem sehe ich keine Verbesserung in diesem Punkt.


      Ich bin mir auch nicht sicher, ob Favre das ernsthaft angeht, wenn ich so lese, was er nach diesen Spielen gerne sagt. Tuchel wäre ausgerastet. Das mag auch nicht optimal gewesen sein, aber ich hatte das Gefühl, damals war der Zugriff des Trainers auf unser Spiel noch größer. Tuchel hat umgestellt und umgestellt bis eine Verbesserung zu erkennen war. Favre wirkt auf mich manchmal etwas planlos.