Ein falscher Sieg, der richtig war

Ich möchte vorwegnehmen, dass sich meine Zeilen gegen niemanden aus unserem Forum richten, die dem ganzen Zirkus momentan nichts abgewinnen können. Es ist ja nicht so, dass ich das überhaupt nicht nachvollziehen kann, aber die allgemeine Debatte in der Öffentlichkeit, von sogenannten "Experten", nervt mich ungemein.


Derbysieger! Für viele der höchste erreichbare Titel der Saison und trotzdem fühlte er sich am Samstag so falsch wie irgend möglich an. Keine andere Partie der Saison lebt so sehr von den Emotionen der Zuschauer, wie das Ruhrpott-Derby. Dank eines f*ck Virus sollte es dieses Jahr ohne uns stattfinden. Ohne die gelbe Wand. Ohne die knisternde Atmosphäre, ohne Provokationen bis zur Weißglut. Ohne Conny-Kramer-Gesänge. Blutleer.


Und dennoch war es wichtig und richtig, dass es stattgefunden hat. Ein Ausrufezeichen, dass wir uns nicht von einer Katastrophe in die Knie zwingen lassen. Ein wichtiger Schritt in die Normalität. Endlich wieder Gesprächsthemen außerhalb von Corona. Die ganze Welt beneidet uns momentan um unseren Wiedereinstieg. Im eigenen Land wird, wie es halt hier so üblich ist, gemault.


Ich bin nicht blind. Ich weiß, dass die Bundesliga nicht aus reiner Philanthropie den Spielbetrieb wieder aufgenommen hat. Es geht in erster Linie um knallharte wirtschaftliche Interessen. Aber, Spoiler-Alarm, die Vereine sind Wirtschaftsunternehmen, die, wie jedes andere, ums Überleben kämpfen. Das jetzt gerade in dieser Zeit zu kritisieren, mutet mir - mit Verlaub - seltsam an. Wo waren die Moral-Apostel als dem Kommerz im Fußball Tor und Tür geöffnet wurden? Schweigen. Wo der Aufschrei, als ganze Tribünen gesperrt wurden, nicht wegen eines Virus, sondern weil das System kritisiert wurde? Achselzucken. Aber jetzt vorm Fernseher jammern, weil Fußball ohne Fans ja so doof ist. Mimimi. In der Konsequenz, wenn der nächste Bengalo brennt oder ein Milliadär beleidigt wird, einfach mal die Fresse …

Wir Fans im Stadion sind nicht die lustigen Stimmungs-Clowns um euren Fußballkonsum zu befeuern. Von daher ist die künstliche Stadion-Atmo vom Band prima. So als schöner großer Spiegel. Da ist es, euer Hochglanzprodukt. Lebt damit.


Ich bin froh, am Wochenende wieder Fußball gesehen zu haben. Und mir hat das Herz geblutet bei einem Derbysieg nicht auf der Tribüne stehen zu können und das blaue Volk triefend zu verhöhnen. Ja, gerade das täte in dieser Zeit sooo gut.

Bleibt halt das Wohnzimmer-Stadion. Aber anscheinend darf man sich momentan an nichts mehr erfreuen und zusätzlich zum Mundschutz nur noch in Sack und Asche herumlaufen. Gesenkten Hauptes murmelnd „Wir werden alle sterben!“ Nö, da habe ich keine Lust drauf. Schutzmaßnahmen? Ja sicher. Aufhören zu leben? Nein, danke.


Und nochmal an alle Kritiker. Durch die Wiederaufnahme der Bundesliga wird es nicht einen Infizierten mehr geben. Noch werden die Arbeitsbedingungen einer Krankenschwester, einer Kassiererin oder eines Rettungssanitäters dadurch besser, wenn man nicht spielt. Nicht eine einzige Person wird mehr getestet, wenn der Ball ruht. Ebenso dieses Fake-Argument, dass sich die Fans vor den Stadien zusammenrotten. Widerlegt.

Alle diese Behauptungen sind purer Populismus - und ich gebe Aki letzte Zeit selten recht – kommen von Hinterbänklern der 3. und 4. Reihe, die jetzt auch mal Aufmerksamkeit möchten.


Zu den „armen“ Spielern, die mit Geld gezwungen werden zu spielen, habe ich glaube ich schon genug gesagt.


Ich für meinen Teil bin froh, dass gespielt wurde. Ich bin froh, Derbysieger zu sein. Und für jeden, dem dies in diesen beschissen Zeiten Mut gegeben hat, war das der richtige Schritt, auch wenn es sich falsch anfühlt.


THE SITH CODE

Peace is a lie, there is only passion.

Through passion, I gain strength.

Through strength, I gain power.

Through power, I gain victory.

Through victory, my chains are broken.

The Force shall free me.

Kommentare 11

  • Dass die Bundesliga weitergeht, finde ich gar nicht schlecht. Mich stört aber das Wie. Natürlich verbessert sich die Situation des medizinischen Personals nicht, wenn die Bundesliga pausiert. Das ist ein politisches Problem, das eben auch die Politik zu lösen hat, nicht der Fußball.


    Mich stört aber diese extravagante Sonderbehandlung, die der Liga gerade zuteilwird. Heute Abend wird im Weserstadion ein Fußballspiel mit vielleicht 200 Menschen stattfinden, während in Bremen Ansammlungen von mehr als zwei Personen nach wie vor verboten sind.


    Wir suchen als Gesellschaft gerade nach einem Weg durch die Krise und dafür nehmen wir Einschränkungen in Kauf. Dass man Unternehmen und Profivereine dabei anders behandelt als den Normalbürger, klar. Aber die aktuelle Diskrepanz ist mir zu groß. Die Wiederaufnahme der Liga kommt viel zu früh.


    Wenn ich dann solche Aussagen lese wie von Rangnick, der meinte, die Wiederaufnahme der Bundesliga sei aus psychologischer Sicht für die gesamte Menschheit wichtig. Oder Gisdol, der darüber philosophierte, welche Opfer die Spieler und Trainer doch bringen würden. Wo leben die bitte?


    Sowas geht mir einfach unglaublich auf den Sack.

    • Dass die ganze Branche abgehoben ist, darüber brauchen wir uns nicht unterhalten.

      Aber die Sonderbehandlung gibt es doch nur, weil man ein schlüssiges Konzept vorgelegt hat.

      200 Leute, die konsequent durchgetestet und beobachtet werden und wo die Infektionsketten einwandfrei nachvollzogen werden können, sind halt was anderes, als wenn Menschen in freier Wildbahn aufeinandertreffen.

  • Grundsätzlich kann ich da sehr viel nachvollziehen. Auch ich habe mich gefreut, dass es wieder neue Themen im Fußball gibt. Sehe es trotzdem extrem kritisch, dass jetzt gespielt werden muss, damit einige Millionäre weiterhin ihre Villen bezahlen können. Das macht es dann schon sehr perfide und zwar auf deutlich anderer Ebene als vorher. Vorher wurde nur mit Geld gespielt und nur indirekt mit Menschenleben. Jetzt ist das anders. Auf der anderen Seite freue ich mich, dass viele Menschen, die abseits der Vereine ihren Lebensunterhalt mit Fußball verdienen, wieder Arbeiten können. Aber die Situation ist so diffus, dass jede Seite gute Argumente hat, aber am Ende kann man es nicht einfach als unberechtigte Kritik abtun, wenn da der Ritt auf der Rasierklinge gewagt wird. Ob die Bundesliga in dieser Form funktioniert, hängt ganz hart von jedem einzelnen Menschen ab.


    Denn eines ist klar:

    Ob es durch die Bundesliga keinen zusätzlichen Infizierten geben wird, ist völlig unklar. Überprüfen kann man es nicht. Die ganze Welt giert nach Ablenkung und schaut jetzt Bundesliga. Dabei ist das "Wie" und "Wo" entscheidend. Ich war am Samstag während des Derbys bei Iserlohn unterwegs für meinen Mini-Job. Da hab ich in einem Wohngebiet eine Derby-Party der lokalen Nachbarschaft gesehen. Schön 10 bis 15 Mann in der Halbzeit am Gartenzaun in Trikots und ner Pulle Bier im Anschlag. Schöne Szene, aber Abstand hat da keiner gehalten. Ich hab da am Wegesrand was aufgeschrieben und einige Spaziergänger waren neugierig und rückten mir auf die Pelle. Die Lage in Deutschland mag aktuell relativ gut wirken, weswegen "das ja sicher nicht so schlimm sein wird". Das mag sein. Es wird sich aber zusehens wieder sicher gefühlt, was zur Unachtsamkeit führt. Es muss aber jeder weiterhin Wachsam sein, damit das Experiment Bundesliga funktionieren kann.


    Andere Länder sind zudem nicht so glimpflich durch die allererste Phase der Pandemie gekommen. Da gucken jetzt auch viele Bundesliga. Ob es dabei zu Infektionen kommen wird, kann man daher definitiv nicht ausschließen.

    • Nur, wer sich unvernünftig verhält, tut das ganz unabhängig von den Bundesligaspielen.

      Guck Dich in den Innenstädten um.

      Ich glaube nicht, dass jemand der bisher Maske getragen und Abstand gehalten hat, plötzlich durch die BuLi dazu animiert wird, seine Prinzipien über Bord zu schmeißen und ein Bad in der Menge zu nehmen.

      Diejenigen, die sich jetzt in Trikots am Gartenzaun getroffen haben, tun das auch in zivil. Habe genug Beispiele in der Nachbarschaft.

      Wer Verantwortung für sich und seine Mitmenschen lebt, tut dies ganz unabhängig davon, ob jetzt Fußball gespielt wird oder nicht. Genauso, wie der Ignorant ein Ignorant bleibt, ob mit oder ohne Trikot.

    • Natürlich machen die das auch privat, was es aber noch umso wichtiger macht, dass man diesen Menschen, die damit sich und vor allem andere in Gefahr bringen, keinen Grund liefert, um ab jetzt regelmäßig eine Party zu feiern. Wenn das passiert, dann ist Bundesliga jedenfalls gerade nicht harmlos.


      Daher bleibe ich dabei: So zu tun, als ob der Restart der Liga überhaupt keinen Ansteckungs-Effekt haben wird, ist ebenfalls Populismus. Vielleicht geht alles gut, vielleicht nicht. Jede der aktuellen Lockerungen erhöht aber das Risiko. Vor allem, wenn die Leute meinen, dass jetzt alles wieder super wäre.


      Zudem: Es gibt zwar ein Hygiene-Konzept in der Bundesliga, aber trotzdem setzen sich durch den Restart alle im Stadion einem Risiko aus. In meinem Kopf ist es eigentlich absolut unnötig, dass jetzt Fußball gespielt wird. Wir könnten als Gesellschaft ohne Probleme darauf verzichten. Aktuell komme ich mir daher auch etwa so vor, als ob ich mir jetzt tatsächlich Gladiatoren wie im alten Rom ansehe. Die Spieler risikieren ihre Gesundheit für den Mamon und den Pöbel. Ist natürlich überspitzt ausgedrückt. Trotzdem kann ich die Liga aktuell nicht einfach nur als harmlosen Zeitvertreib sehen.


      In meinem Kopf schreien daher mehrere Stimmen durcheinander und letztendlich komme ich dann zu dem Schluss, dass es das eigentlich gar nicht wer sein müsste.

    • Sicher überlebt die Gesellschaft, wenn kein Fußball gespielt wird.

      Sie überlebt aber genau so sicher, wenn ich nicht weiter Zahlen von links nach rechts schiebe.

      Hier wird auch wieder im Normalbetrieb gearbeitet. Und warum? Weil es mein Beruf ist und mein Arbeitgeber (und ich auch) Geld verdienen muss. Genauso ist es der Beruf der Spieler, die wohlgemerkt der Hauptgrund sind, dass überhaupt gespielt werden muss.

      Wenn ich mir angucke, was sich zur Zeit so auf den Straßen rumtreibt und was für Abstrusitäten für bare Münze genommen werden, sind ein paar hundert Profi-Fußballer, glaube ich, unser kleinstes Problem.

    • Natürlich. Es gibt Jobs, die aktuell einfach nicht ausgeführt werden können. Viele Menschen, die nicht arbeiten können, aber wollen. Es gibt auch viele Jobs, die jetzt eigentlich niemand braucht, denen aber stattdessen ohne Probleme weiter nachgegangen werden kann. Es ist klar, dass jeder in dieser Zeit überleben will.


      Das Problem sind aber bei der Bundesliga nicht die Spieler, sondern die Vereine. Eigentlich ist so viel Geld im System Fußball, dass jeder Profiverein der 1. und 2. Liga einen Saisonabbruch überleben müsste. Bloß weil da nicht auf Nachhaltigkeit gearbeitet wurde, muss man das jetzt auf Teufel komm raus durchziehen. Wenn alle im System auf Geld verzichten und es gereicht umverteilen würden, dann müsste es auch so gehen. Es müsste keinen einzigen Job kosten, wenn man den Restart erst wieder im September versucht hätte. Dann wäre auch klar, ob wir einen langfristigen Erfolg gegen Covid-19 erreicht hätten.


      Daher ist es extrem schwer hier mitzugehen. Jede andere Sportart bricht die Saison ab. Nur der Profifußball nicht? Würde man da gesellschaftlich Verantwortung zeigen, dann hätte man den Saisonabbruch schon vor Wochen beschlossen.


      Für mich ist das alles so überflüssig wie ein Kropf.

    • Und genau hier geht unsere Meinung komplett auseinander.

      Der größte Kostenfaktor im Profifußball sind die Spieler und Berater.

      Dort landet das ganze Geld. Würden die Spieler verzichten, könnten die Vereine ohne Pleite zu gehen die Saison abbrechen.