Mein fußballfreier Spieltag

Gestern ist es dann also passiert: Das erste Mal habe ich mich ganz bewusst gegen ein Spiel von Borussia Dortmund entschieden. Bis dahin hatte ich nur sehr wenige Spiele verpasst und diese dann später in der Wiederholung geschaut. Aber in den letzten Monaten hat sich der BVB ohnehin ein wenig von mir entfernt. Da fehlten die Emotionen, die Vorfreude auf ein Spiel, die Begeisterung über einen Sieg. Ich habe es mir angeschaut, hingenommen – und vergessen. Ich weiß gar nicht mehr so genau, wann mich ein Spiel das letzte Mal so richtig mitgenommen hat.


Tja, dann kam das Coronavirus und die Fußballwelt stand erst mal still. Schon die letzten Geisterspiele waren ziemlich unangenehm. Wochen ohne Fußball, Wochen ohne Schwarzgelb. Ich habe tatsächlich nichts vermisst. Ich, der vor ein paar Jahren an den Wochenenden noch Stunden vorm Fernseher gesessen und Fußball geguckt hat. Zuletzt waren es dann meist nur noch die Spiele von Borussia Dortmund. Und jetzt? Jetzt sind es nicht mal die.


Der Umgang der gesamten Liga mit dieser Situation, ich bin maßlos enttäuscht. Ja, es war und ist eine schwierige Situation. Aber das gilt für alle Unternehmen. Doch in der Bundesliga hat man sich reihenweise vor Kameras gestellt und erzählt, wie elementar Fußball doch für die Gesellschaft sei. Nicht zu vergessen, all die kleinen Vereine, die man retten müsse. Tja, nun spielen die großen Vereine wieder, der Amateurfußball steht weiterhin still. Dort hat man eben nicht die Lobby, die es einem erlaubt, medizinische Kapazitäten zu binden, die woanders besser aufgehoben wären.


Aber zurück zum Spieltag: Gekribbelt hat es dann doch ein wenig. Immerhin war es ein Derby. Gelegentlich habe ich auf die Uhr geschaut. 15:18 Uhr. 15:27 Uhr. Ich war noch damit beschäftigt, auf Netflix die sechste Staffel von The Blacklist zu schauen. 15:34 Uhr, mittlerweile rollte der Ball bestimmt. Dann kam die erste Mitteilung aufs Handy: Tor. Schwierig, aber mir die Blöße geben und doch einschalten? Nein, die DFL kann mich mal! Ich habe weiter The Blacklist geschaut. Raymond Reddington reicht mir als Verbrecher, da muss ich nicht auch noch Fußball gucken.


Irgendwann war Halbzeit und ich wusste dank der Mitteilungen auf meinem Handy, dass der BVB mit 2:0 führte. Der Gedanke, nicht doch einzuschalten, war so schnell verschwunden wie er gekommen war. Aber um gar nicht erst das Risiko einzugehen, doch noch schwach zu werden, habe ich mich umgezogen, meine Laufschuhe angezogen und bin zur Tür raus.


Eine Dreiviertelstunde joggen. Es war schwieriger als sonst. Kein Blick mehr aufs Handy, nur die Kopfhörer im Ohr. Es waren überraschend wenige Menschen draußen unterwegs. Klar, es gibt immer noch Beschränkungen, aber das hat die Leute bisher nachmittags bei gutem Wetter auch nicht davon abgehalten, Fahrradtouren und Spaziergänge zu machen. Doch diesmal kam es mir so vor, als würden viele tatsächlich vor dem Fernseher sitzen und sich die Bundesliga anschauen. Da fragte ich mich schon, warum ich eigentlich noch versuche Prinzipien zu vertreten.


Mein Gedanke war gar nicht so falsch. Sky hatte Rekordquoten. Mehr als sechs Millionen Zuschauer, ich war keiner davon. Ich verstehe schon, warum die Leute eingeschaltet haben. Ich meine, mir hat es ja auch in den Fingern gekribbelt. Aber mein Standpunkt bleibt: Fußball kommt zu früh. Es hat einen Grund, warum neben Deutschland nur in ein paar wenigen Ländern gerade der Ball rollt. Außer uns ist eben (fast) niemand so bescheuert. Die Regeln für so ein Bundesliga-Spiel aktuell sind absurd und sinnlos.


Ich frage mich schon, ob es überhaupt noch einen Unterschied macht, ob ich nun einschalte oder nicht. Ob Klubs wie Paris Saint-Germain, Manchester City oder RB Leipzig wirklich das einzige Übel sind – oder nicht doch der Profifußball an sich. Ich stand vor einigen Tagen im Nike-Outlet und hielt ein PSG-Trikot in der Hand. Richtig schönes Trikot, ich habe es sogar anprobiert. Es hätte mich nur zehn oder zwölf Euro gekostet. Ich war wirklich kurz davor, es einfach zu kaufen. Weil ich momentan das Gefühl habe, dass es eigentlich egal ist, welches Trikot man nun anhat.


Für mich gibt es gerade keine guten und schlechten Vereine mehr. Am Ende ist Profifußball ein System – und Borussia Dortmund darin ein Verein wie jeder andere. Das nimmt mir die Freude an diesem eigentlich wundervollen und emotionalen Sport. So wird diese Saison also ohne mich zu Ende gehen. Ich hoffe, dass sich zur kommenden Spielzeit ein paar Dinge ändern werden – sowohl in der Bundesliga als auch in meiner Gefühlswelt.


Auf Wiedersehen, Fußball.

Kommentare 10

  • Muss ehrlich sagen, dass ich lange ebenfalls nicht schauen wollte. Aber dann war der Drang und die Lust zu groß. Nach den ganzen Wochen war es dann schön wieder Fußball zu sehen. Hatte viel Spaß wenngleich natürlich die Fans im Stadion sehr fehlen.


    Ich hatte tolle 90 Minuten und das Konzept der DFL erschien mir insgesamt gut und gut umgesetzt. Denke auf die Art, mit weiteren Justierungen, kriegt man es zu Ende gespielt. Freue mich auf die weiteren Sportarten, die nun folgen wie die Formel 1.

    Denke Fans sehen wir 2020 nicht mehr bei den Ereignissen, aber der Situation entsprechend ist das ein Punkt, den wir ertragen müssen.


    Der Fußball hat natürlich genug Probleme und lebt in einer absurden eigenen Blase. Aber ohne BVB kann ich nicht. Da hängt mein Herz viel zu sehr dran.

    Vielleicht liest man sich dann bei den Geisterspielen der neuen Saison wieder Engin.

    • Aber selbst die Formel 1 startet erst in sechs Wochen. Und im Motorsport lassen sich Abstände und Regelungen deutlich einfacher einhalten. Die Teams sind unter sich, die Fahrer sitzen alleine in den Autos. Da ist kein so direkter Körperkontakt wie beim Fußball.


      Die Spieler sollen bitte nicht zusammen jubeln, alles schön und gut. Die hängen doch aber ohnehin bei jedem Eckball und bei jedem Freistoß aufeinander. Was soll diese Vorgabe dann bitte?


      Gleiches Spiel bei den Masken: Ich glaube nicht, dass sich die Spieler mit Maske in der Kabine umziehen. Und ich glaube auch nicht, dass in der Kabine irgendwelche Abstände eingehalten werden. Warum dann mit Maske auf die Bank setzen? Die DFL möchte hier gerne ein Bild suggerieren, das dem Zuschauer Hygiene und Schutz vorgaukelt. Wie es wirklich aussieht, das hat uns Kalou neulich gezeigt.


      Ich werde mich natürlich auch weiterhin mit Fußball beschäftigen, das mache ich gerade ja auch. Ich möchte es mir aktuell eben nur nicht anschauen, weil ich das, was die DFL hier abzieht, für geheuchelt halte.

    • Du kannst es vorgaukeln nennen, aber es geht einfach darum zu zeigen, dass man alles versucht, was man kann. Man nimmt dort Maßnahmen ein, wo es möglich ist. Auf dem Feld kann man natürlich keine Masken oder Abstände einhalten, gerade auch nicht bei Ecken oder Freistößen. Aber man kann Rudelbildungen vermeiden, man kann beim Jubeln Abstand halten und man kann auf der Bank mit der Maske sitzen. Da geht es auch darum den Menschen draußen zu zeigen, dass die Fußballer ihres auch tun.


      Das ist in mancher Kabine sicherlich nochmal weniger gut umgesetzt, aber ich würde jetzt auch nicht jede Kabine über den Kalou-Kamm scheren. Hertha scheint ja allgemein ein größeres Disziplin-Problem zu haben.


      Ich find die Maßnahmen okay und halte es gerade in Deutschland für vertretbar zu spielen. Es ist ein Experiment, wie es das auch mit den Öffnungen sämtlicher anderer Wirtschaftszweige und Freizeitangeboten ist. Bisher sieht alles gut aus, was die Öffnungen von vor einer Woche angeht. Optimal wäre, wenn die Masken und Abstand halten zum Standard werden, dann müssen wir normal auch nicht zurück in einen größeren Lockdown.


      Das wir gleichzeitig auch den Sport wieder öffnen und das halt beim Fußball beginnen, ist für mich wie gesagt vertretbar. Nun können ja auch die ganzen Leistungssportler aus der Leichtathletik und vielen anderen olympischen Sportarten wieder trainieren. Erste Wettkämpfe sind da auch in Aussicht gestellt.

      Und sollte es nicht funktionieren, sind die Schotten ruckzuck wieder dicht. Von daher blicke ich positiv den Geschehnissen entgegen.

  • Offen, ehrlich, direkt! Mehr geht nicht. Grundsätzlich Zustimmung meinerseits. Kein wenn und kein aber. Mal schauen wohin die Reise in den nächsten Wochen und Monaten geht.

    • Für diese Saison wird sich wohl nicht mehr so viel ändern. Meine Hoffnung ist wirklich, dass man im Sommer einige Dinge ändert. Die Bundesliga muss nun mal weitergehen, immerhin hängt da extrem viel Geld dran. Nur so, wie es aktuell ist, finde ich es nicht in Ordnung. Corona wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Will die DFL diese Pseudohygienemaßnahmen der Öffentlichkeit wirklich weiter so verkaufen? Gerade ist die Begeisterung der Menschen dafür noch groß, weil sie seit Wochen kein Fußball gesehen haben. Ich bin mal gespannt, wie das in ein paar Wochen aussieht.

  • Ja, bin da in weiten Teilen bei dir - leider!


    Es gibt manches , was mir ad hoc einfällt, aber ich möchte einfach nicht schreiben - bis jetzt war es ein schöner Tag ;-)

    • Vielleicht hast du die Tage ja mal die Geduld, ein paar deiner Gedanken aufzuschreiben. :)

    • Werde ich machen ;-)

    • Vorab ein Link, den mir Silke vor ein paar Tagen hat zukommen lassen und der die Frage behandelt, ob das Virus womöglich auch durch AEROSOLE übertragen werden kann:

      https://www.sueddeutsche.de/ge…ragung-aerosole-1.4907751


      Wobei ich gleich auch bei meinem ersten Punkt Unwissenheit bin, der, aus meiner Sicht und meiner "Gewichtung", zusammen mit dem Punkt Unfairness daherkommt und zusammen mit ihm auf einer Stufe bei unterschiedlichem Bezug (medizinisch <> sozial) steht.


      Viele Argumente, Pro und(!) Contra, sind stimmig bzw. können entsprechend auf einen kleinen, beschränkten Teil als stimmig verkauft werden.

      Da sind die kolportierten 56.000 Jobs um den Firlefanz BuLi, die als Drumherum gerne gebraucht werden. Wenn die Menschen sooo wichtig wären, dann würde man sie m.E. nicht nur als "Argument in einer Corona-Krise" wahrnehmen - Parallelen hierzu sehe ich(!) im Pflegepersonal. Beides von 0 auf 100 in coronaler Eile, ansonsten vernachlässigbar ... zum Kotzen!


      Weitere für mich(!) wichtige Argumente, die an anderer Stelle bereits wesentlich ausführlicher diskutiert wurden, nenne ich hier mal nur stichpunktartig:

      • Fan als Ware. Hier stößt mir persönlich extremst auf, dass darum "gebettelt" wurde, den Kartenwert dem Verein doch bitte als Gutschrift zukommen zu lassen. ICH GLAUBE, ICH SPINNE! Hier darf ich jetzt gar nicht weiterschreiben ohne mich nicht selber in die Bredouille zu bringen. Frech ist das!
      • Abgehoben und weltfremd.
      • Parallel-Universum inkl. einer doch signifikanten Ignoranz ... auf vielen Ebenen.
      • wenig volle Stadien:tongue
      • ...

      Alle diese Punkte, teils heftiger, teils eher marginal aber eben existent, führen für mich(!) dazu, den Dreck momentan nicht zu verfolgen - juckt mich einfach nicht mehr so, als dass ich meine, etwas verpasst zu haben. Und dann lasse ich es eben, einfacher geht's nicht!


      Es gab Zeiten, da habe ich auch anders geschrieben, z.B. als es darum ging, vllt als einer von zwei dt. Vereinen in eine Super-Liga zu kommen. Das verbietet sich m.E. nach diesem Corona-Gedöns ganz flott. Stattdessen kommen Wechselgerüchte auf bzw. muss die Kaderplanung sitzen. Hä?! Kaderplanung?! Bei einer Pandemie, deren Ausgang keiner kennt?!

      Und spätestens hier war der Bart ab und das Interesse (ganz coronal) runtergefahren.


      Das ist für mich alles einfach ein Cut.

      Das mag aber vllt auch damit zusammenhängen, dass ein ganz anderer Fokus überwiegt, nämlich der, auf meine Gesundheit zu achten bzgl. meiner Beine. Komme mir in der letzten Zeit so vor wie Forrest Gump, nur nicht wild-laufend, sondern gehend - Hauptsache Bewegung!

      Und dagegen ist Fußball ein echter Firlefanz.


      Möglicherweise ist ja genau DAS der Knackpunkt; man muss erst wissen, wie sehr sich Scheiße anfühlt, um Firlefanz zu erkennen. Wünsche keinem der Protagonisten, sich jemals mit dem fiesen Virus anzustecken und dauerhafte Schäden davonzutragen, obschon ich den leichten Glauben hätte, dass genau dann eine andere Meinung die Deutungshoheit bekommen könnte...


      Das soll's jetzt auch gewesen sein. BLEIBT GESUND ;-) !!

    • Stimme dir in vielen Punkten zu. Ich für meinen Teil bin mir aber auch recht sicher, dass ich früher oder später zum Fußball zurückkehren werde. Allerdings werden sich einige Haltungen bezüglich mancher Vereine dann wohl um bis zu 180 Grad gedreht haben. Die Sache mit dem PSG-Trikot hatte ich ja schon erwähnt. Und es ärgert mich tatsächlich, dass ich es nicht einfach mitgenommen habe. Vielleicht, weil ich momentan gerne ein paar Trikots sammle; vielleicht, weil ich Thomas Tuchel mag; vielleicht, weil meine Liebe zu Borussia Dortmund aktuell ein wenig abgekühlt ist. Ich weiß nicht, was es genau ist. Ich hoffe aber, ich bekomme das Trikot irgendwann noch mal zu dem Preis in die Finger, weil ich es eben wirklich schön finde.


      Bei mir ist der Knackpunkt einfach, dass ich für meinen Teil zu dem Schluss gekommen bin, dass es zwischen Bundesliga und Premier League oder zwischen Borussia Dortmund und Paris Saint-Germain gar keine so großen Unterschiede gibt. Im Geschäftsmodell, im Handeln auf dem Transfermarkt, ja, aber am Ende sind es eben nur zwei Vereine in einem von Geld überfluteten System. Und wenn ich mir das anschaue, dann muss mir das bewusst sein. Profifußball ist ein Produkt, das vermarktet wird. Wenn ich das nicht möchte, muss ich mir Spiele ab der vierten oder fünften Liga anschauen.


      Wer weiß, vielleicht mache ich das sogar mal, wenn es wieder möglich ist.