Vercoacht, zu unerfahren, vertan - Das Bayern-Debakel als Lehrstunde

Meine Lieben,


auch heute noch, zwei Tage nach dem denkwürdigen Spiel, beschäftigt es mich weit mehr als ich je angenommen hätte. Es war ein schwerer Schlag, der einfach extrem schmerzt. Dennoch will ich einmal aus meiner Sicht darlegen, was alles falsch gelaufen ist und wo zumindest für mich offensichtliche Fehler liegen.

Taktik-Genie Favre vercoacht sich gegen Bayern - erneut

Die falsche Aufstellung: Favre wollte gegen Bayern vor allem Läufe in die Tiefe haben. Deshalb hat er laut eigener Aussage Reus in den Sturm gestellt. Das hat, wie Kehl nach dem Spiel erklärte, "durchaus überrascht". Das Problem ist aber, dass Reus dort nicht ein einziges Mal funktioniert hat. Er selbst mag die Position nicht. Natürlich spielt er sie, wenn der Trainer das will, aber wenn man selber mit der Position nicht klar kommt, wie soll dann eine sehr gute Leistung dabei herauskommen? Das kreide ich Favre an, denn er hatte trotz Ausfall von Paco andere Optionen.


Götze war fit und er spielt bisher eine starke Rückrunde. Mittlerweile sehen das sogar seine größten Kritiker, wenngleich er für sie noch nicht wieder gut genug ist. Dennoch macht er seine Sache und hat uns immer wieder mit seinen Leistungen geholfen. Man hat also einen fitten und formstarken Götze, sowie einen Reus, der erst Vater wurde und in der Form seines Lebens ist. Die muss man auf "ihren" Positionen bringen.


Mir ist klar, dass Sturm nicht Götzes beste Position ist, aber er macht das die ganze Saison schon ordentlich. Dazu auf den Außen dann Larsen und Sancho. Das wäre die richtige Aufstellung gewesen, weil die Jungs alle auf gewohnten Positionen gespielt hätten und die Aufstellung einfach unsere offensive Stärke zur Geltung gebracht hätte.


Reus wäre zudem der perfekte Spieler gewesen, um Bälle in die Tiefe zu bringen. Dazu ist er Dreh- und Angelpunkt bei uns und das lässt sich aus dem Mittelfeld besser gestalten, als aus dem Sturm. Vielleicht hätte Favre auch Reus seine Idee besser erklären müssen, wenn ich Reus höre: "Der Trainer hat nicht mit mir über die Taktik und meine Position gesprochen”


Erneut vercoacht? Schon im Hinspiel hatte sich Favre vercoacht. Deswegen dominierten uns die Bayern dort auch in der ersten Halbzeit. Im Gegenteil zu diesem Spiel lagen wir aber nicht bereits deutlich zurück, sodass Favre seinen Fehler korrigieren konnte. Favre probiert mir in den Top-Spielen zu viel herum statt auf die Stärke der Mannschaft zu setzen und voller Selbstvertrauen das eigene Spiel durchzudrücken.


Favre ist in der Lage Fehler zu korrigieren, auch schon im Spiel. Das ist eine Stärke von ihm. Er ist taktisch auch sehr stark. Allerdings muss er noch nachweisen, dass er in großen Spielen auch direkt die richtige Marschroute vorgeben kann. Er hat einiges zu lernen aus der Saison und ich hoffe ihm gelingt das in der nächsten deutlich besser.

Jugendliche Unerfahrenheit als Problem

Bei den Bayern wird gerne bemängelt, dass sie viel zu alt sind. Wobei das bei der Aufstellung von Samstag auch nicht zutrifft. Das Team dort hatte mit 27 Jahren im Schnitt vermutlich den perfekten Altersschnitt, wenn es sowas gibt. Wir dagegen haben einige absolute "Greenhorns". Sancho, Larsen und Zagadou sind richtig jung und sehr unerfahren. Spieler wie Diallo, Akanji und Delaney sind zwar schon erfahrener, aber nicht, wenn es um den Titelkampf geht.


Erfahrung ist unersetzlich: Ein Problem war für mich daher tatsächlich einfach die fehlende Erfahrung in einer solchen Situation. Reus sagte zwar nach dem Spiel, dass sie ja keinen Druck hatten, doch ich glaube so empfand nicht jeder im Team. Jedem war klar, dass es in dem Spiel um die Deutsche Meisterschaft geht. Es hätte eine kleine Vorentscheidung für uns werden können. Es war eine Art Finale und ich glaube das hat den ein oder anderen gehemmt.


Der Fehler von Zagadou ist bildhaft dafür. Er hat keinerlei Druck auf dem Platz. Kann mit dem Ball machen, was er will und in Ruhe überlegen wohin er ihn spielt. Und er spielt ihn direkt in die Füße von Lewa. Das war ein kapitaler Blackout. Aus meiner Sicht aufgrund der nicht vorhandenen Erfahrung und damit einer großen Portion Unsicherheit. Kann ihm aber natürlich in dem Alter passieren.


Die Jungs waren nicht auf dem Platz: Man hatte das ganze Spiel das Gefühl, dass wir einfach nicht da waren. Gedanklich waren wir nicht auf dem Platz. Das zeigte sich direkt vor dem Anpfiff. Reus stand direkt an der Mittellinie. Er wedelte plötzlich wild in Richtung von Dahoud.


Dieser stand nicht direkt an der Linie, sondern weiter hinter dem Mittelkreis. Reus wollte aber direkt nach dem Anstoß Druck auf die Bayern machen. Erst auf sein rufen und zeigen hin, bewegte sich Dahoud vorsichtig an die Linie. Da hatte ich bereits ein komisches Gefühl, weil es zeigt, dass da was in der Einstellung nicht passte. Das kann an der Erfahrung, am Druck oder der Vorgabe des Trainers liegen. Vermutlich von allem ein bisschen.

Vertane Chance im Meisterkampf

Definitiv haben wir mit dem Spiel eine Chance verpasst. Nun ist der Druck auf den Jungs eigentlich sogar größer, denn wir dürfen uns vermutlich keinen Punktverlust mehr erlauben, um den Titel zu holen. Das Spiel hätte eine klare Richtung für uns vorgeben können. Mit einem Unentschieden hätten wir es weiter selber in der Hand gehabt und hätten uns vielleicht sogar einen kleinen Patzer erlauben können.


Bei einem Sieg hätten wir sogar einen Patzer als Bonus drin gehabt. Zudem wären die Bayern dann geknickt gewesen. Man hat gemerkt um wie viel es für die im Spiel ging. Der Sieg war für Bayern alternativlos. Eine Niederlage hätte sie meiner Meinung nach schwer getroffen. Schlussendlich ist eine Niederlage gegen Bayern verkraftbar, aber nicht auf die Art und Weise.


Wir haben uns vor der Welt blamiert und das trifft mich sehr. Wir sind ein geiler Klub, mit herausragenden Fans und einer großartigen Mannschaft. Aber wenn wir uns so präsentieren, macht das viel kaputt. Dazu haben wir die Bayern unnötig aufgebaut.


Das wir in den letzten vier Spielen in München ein Torverhältnis von 20:2 haben, ist für mich auch sehr hart. Im Prinzip fahren wir zuletzt nur nach München, um uns Packungen abzuholen. Genau das, was wir vielen Vereinen immer wieder ankreiden. Das muss definitiv aufhören. Das kann und darf nicht unser Anspruch sein.


Die Lehren aus dem Spiel: Die Mannschaft ist teils sehr unerfahren, vor allem im Titelkampf. Das ist ein Makel, den wir einmal mitnehmen müssen. Das ist unserer Transferpolitik geschuldet, aber das ist auch in Ordnung. Vielleicht kann man hier dennoch von Außen anders im Vorfeld des Spiels einwirken. Aber das werden Sammer und Co sicher schonungslos analysieren.


Favre wiederum sollte bei der Taktik nicht gerade gegen Bayern immer wieder versuchen irgendwelche Tricks auszupacken. Wir haben eigene Stärken, da braucht es keine Tricks. Mit Tempo und unserem starken Fußball können wir da immer dagegen halten und gewinnen.


Mit Mut zum Titel, auch in Zukunft: Insgesamt wünsche ich mir mehr Mut und mehr zur eigenen Stärke stehen. Wir sind nicht irgendwer, sondern Borussia Dortmund. Unser Etat sagt schon aus, dass wir Platz 2 in der Liga holen sollten. Wir hatten dieses Jahr einen Umbruch, daher fand ich die CL-Quali als Ziel passend. Aber nächste Saison würde ich gerne sehen, dass wir von Anfang an auf den Titel gehen. Wir sind dazu in der Lage, egal, ob Bayern ihren Kader verstärkt.


Zum Schluss bleibt, dass wir nicht auf dem Platz waren. Zu keiner Sekunde des Spiels. Das schmerzt am meisten, dass wir uns als Tabellenführer so ergeben haben. Aufgeben ist natürlich nicht und es geht darum irgendwie zwei Punkte gegenüber Bayern in sechs Spielen aufzuholen (1 Punkt reicht wegen des Torverhältnis nicht). Dafür müssen wir aber wieder anders auftreten. Der BVB der Rückrunde muss nun wieder zum BVB der Hinrunde werden. Nur dann haben wir eine Chance.


Auf gehts, Jungs! Holt die verdammte Schale.

Kommentare 4

  • Jepp.


    Und, JUNGS, lasst uns Fans bitte nie wieder so allein. Denn wir allein können es nicht richten. Aber - wir werden da sein!


    Bis Samstach im TEMPEL oder besser noch schon inne Rote Erde.

  • Trefflich kommentiert und analysiert. Wäre wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen, wenn die echten Jungs auf dem Platz gestanden hätten und nicht die Doubles von der Kostümagentur - hat ja noch nicht mal zu vernünftigen Stunts gereicht. Bin immer noch einigermaßen entsetzt......

  • das "Wie wir verloren haben" finde ich auch immer noch erschreckend. Es kam wohl tatsächlich eins zum anderen. Ich bin gespannt wie die Mannschaft diese neuerliche Enttäuschung weg steckt. Auf geht's Jungs

  • Kevin ich gebe Dir in allen Punkten Recht. Für mich geht die Niederlage zu 80% auf Favre.

    Aber alles Lamentieren nützt jetzt nichts. Schon Samstag müssen die Jungs "Eier zeigen" und das werden sie auch.

    Wir auf der Tribüne und die Jungs auf dem Rasen werden beißen. Zusammen für den verdammten Titel.