Brügge - Mehr als Schokolade und Frietjes

Belgien ist unsere zweite Heimat und Brügge unsere absolute Lieblingsstadt. Obwohl täglich tausende Touristen durchgeschleust werden, finden sich in dieser mittelalterlichen, verwinkelten Stadt immer wieder ruhige und beschauliche Ecken an den Grachten, die zum Verweilen und Seele baumeln lassen einladen.

So war die Freude groß, dass der KV FC Brugge unserer CL-League-Gruppe zugelost wurde und explodierte, als der Termin für das Auswärtsspiel feststand. Der 18.09. lag mitten in unserer Urlaubszeit. Bingo!


Ab sofort begann das bange Warten um an Karten zu gelangen. Die erste Enttäuschung war, dass nur 1 Karte pro Vereinsmitglied verkauft werden sollte. Also musste ich schon zweimal hintereinander Glück in der Hotline haben, um an Karten für mich und meine Frau zu kommen. Am Vorverkaufstag hing ich also pünktlich um 8.30 h am Telefon. Besetzt. Natürlich. Und wieder versucht. Und wieder. 8:34 h endlich durchgekommen. Auch Karten sind noch da. Der dumme Computer fragt mich, wie viele von einer möglichen Karte ich haben möchte … grrr. In dem Moment die Durchsage, dass das die Karten ausverkauft sind. Verdammt. Über die belgische Verwandtschaft meiner Frau, alles eingefleischte Anderlecht-Anhänger, ist auch nichts zu bekommen. Die Club-Seite von Brügge verkauft nur CL-Abos an Mitglieder – wieder nichts. Da aber unser Urlaubsdomizil nur 25 KM von Brügge entfernt liegt, beschließen wir trotzdem den Tag vor Ort zu verbringen und vielleicht hat man ja Glück …


Gesagt getan. Da wir erfahren haben, dass ein Fan-Marsch ab 18 Uhr geplant ist, beschließen wir gegen 15 Uhr vor Ort zu sein und unser Glück zu versuchen. Überall in der Stadt sind schwarzgelbe Farbtupfer zu sehen. Das Epizentrum ist der „Groote Markt“ am Belfried. Alle Biergärten rund um den Platz sind in schwarzgelber Hand. Es herrscht eine friedliche, ja geradezu gemütliche Stimmung. Viele Touristen sind zwar etwas überrascht und knipsen aber die merkwürdigen Menschen in den schwarzgelben Farben fleißig. Diese begrüßen wiederum jeden halbwegs asiatisch aussehenden Touri mit einem „Kaaagaaawaaa Shinjiiii“-Gesang. Highlight war für mich ein älteres amerikanisches Ehepaar, das uns gefragt hat, ob das Spiel heute Abend auf dem Marktplatz stattfindet, weil so viele Fans da wären.


Die Polizei hält sich erfreulich im Hintergrund (das bin ich z. B. aus Paris ganz anders gewohnt) und hat den Sammelpunkt für den Marsch mit einer großen elektronischen Anzeige gekennzeichnet. Jedem Fan, der eine Frage hat, wird freundlich Auskunft gegeben. Da können sich die deutschen Kollegen mal eine fette Scheibe von abschneiden.

Wir unsererseits versuchten mit möglichst vielen Fans ins Gespräch zu kommen. Vielleicht hat ja noch jemand eine Karte … Runde um Runde schlichen wir um den Platz. Zwischenzeitlich hatte ich auch auf dem Fan-Board der Fanabteilung einen Post abgesetzt und gefragt, ob nicht irgendwer eine Karte übrig hat. Tatsächlich !!! … Verdammt !!! … Nur eine Karte … Mein Schatz bietet an auf mich im Auto zu warten – ja, nee, iss klar …


Es ist mittlerweile gegen 18:30 h. Der Fan-Marsch verzögert sich und die Hoffnungen sinken. Ich beobachte, wie jemand einen Umschlag aus der Tasche zieht und Karten gegen Bargeld den Besitzer wechseln. Nichts wie hin.


„Hast Du noch Karten?“

„Bis gerade. Die letzten zwei für denb Gästeblock sind gerade weg.“

„Neeeein!!!“

„Habe nur noch zwei für die Presse-Tribüne. Die kosten aber 85 Euro das Stück …“ „Jaaaa … nehmen wir!“


Gegen 18:45 h macht sich der fröhliche Zug begleitet von der Polizei auf den Weg Richtung Stadion. Es ist immer wieder cool an so etwas teilzunehmen. Unter Fahnenschwenken und Trommelklängen ziehen wir durch die Brügger Innenstadt.




Borussia Dortmund – schwarz und gelb ist mein Verein.

Abstiegskampf oder Pokale – will keinen Tag mehr ohne Dich sein.

Borussia Dortmund – ich sing für Dich damit Du siegst.

Weil’s für mich und meine Freunde auf der Welt nichts Schöneres gibt.


Überall an den Straßenrändern und Fenstern stehen Menschen und machen Fotos und Videos.


Hier noch ein Wort in eigener Sache:

Oft genug diskutieren wir hier, was Fan darf und was nicht und oft genug ergreife ich dabei die Partei einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen.

Wir sind in Brügge gastfreundlich empfangen worden und die Polizei und Ordnungskräfte haben sich jederzeit korrekt verhalten. Das habe ich bei Auswärtsfahrten oft schon ganz anders erlebt. Deshalb kann ich nicht verstehen, dass sich einige Sportskameraden wie, ich muss es so sagen, Schweine benehmen und in Vorgärten und an Häuserwände pinkeln und ihren Müll entsorgen. Beschämend. Ich bin froh mit Brügge eine Stadt gefunden zu haben, die eben nicht verdreckt ist wie die meisten Ecken in NRW und das soll auch so bleiben!


Der Marsch hat es in sich - über eine Stunde in einem ordentlichen Tempo bis zum Stadion. Auf dem Gästeparkplatz erwartet uns ein kleines Fan-Fest mit Pommesbude, Bierbude und Musik. Von hier aus gibt es noch eine Kontrolle bis zum Stadion. Eigentlich. Wir haben schon ein flaumiges Gefühl im Magen, weil einige Fans wieder von den Kontrollen weggeschickt wurden. Also fragen wir einen Polizisten (GsD spricht meine Frau fließend Niederländisch). Natürlich – mit unserer Karte kommen wir nicht durch den Gästeeingang. Also noch einmal eine halbe Stadionrunde gedreht. Nächster Eingang. Dort sind schon einige Schwarzgelbe mit Händen und Füßen mit den Ordnern am Diskutieren. Aha, kein Zutritt in Gäste-Outfit. Wieder kommt mein Schatz ins Spiel. Sie kann den Ordnern erklären, dass unser Block als reiner Bezoekers- (Besucher-) Block auf der Karte ausgewiesen ist. Nun werden wir vom jederzeit freundlichen (!) Ordnerdienst persönlich durch die Brügger Fanmassen zu unserem Block eskortiert. Endlich da.




Es ist kurz vor 21 Uhr. Die CL-Hymne erklingt und der Dortmunder Block brennt.

Ich will hier keine neu Pyro-Diskussion entfachen und irgendwie bin ich froh, nicht dazwischen zu stehen – aber geil sieht’s trotzdem aus und in Belgien scheint man da durchaus weniger Probleme zu haben, als hierzulande.




Tja, das Spiel ist schnell zusammengefasst – 1:0 gewonnen – keiner weiß warum.



Leider waren in unserem Block (in dem übrigens auch Nobby Dickel, Sascha Fligge und Danny Fritz waren) auch einige Hohlköpfe, die meinten die Brügger Fans im Block unter uns in einer Tour provozieren zu müssen, bis die uns dann einen „Besuch“ abstatten wollten. Auch hier möchte ich wieder den äußerst besonnen reagierenden Ordnerdienst hervorheben, der beide Seiten schnell beruhigte.


Jetzt gab es noch eine Hürde. Wie wieder zurück? Auf den Großteil des Dortmunder Anhangs warteten die abfahrbereiten Busse. Noch mal kilometerweit als Dortmunder alleine durch die jetzt stockdunklen Brügger Gassen zu marschieren war auch keine Alternative. Der ÖPNV stellte in Brügge tatsächlich um 20 Uhr (!) den Betrieb ein. Die Taxis am Stadion waren alle reserviert. Also doch erst einmal auf „Schusters Rappen“ einige Meter gemacht. Spätestens als ein Trupp Brügger Ultras mit dem Ruf „F*ck Borüschia“ unter Verfolgung einiger Polizeibeamter an uns vorbeiflitzte, haben wir beschlossen, an einer hellen, gut beleuchteten Straße zu warten und mit dem Handy ein Taxi zu rufen (wofür kann man meine Frau schließlich Niederländisch?). Nach dem unser bestelltes Taxi wohl von anderen Dortmunder Anhängern „abgefangen“ wurde und einem weiteren Anruf, erreichten wir nach über einer Stunde Wartezeit endlich wieder die Brügger Innenstadt und unser in einer Tiefgarage abgestelltes Auto. Um halb zwei vielen wir schließlich todmüde aber glücklich in unser Bett.


Ich kann jedem einen Besuch der Stadt Brügge, auch ohne Fußball, nur wärmstens ans Herz legen. Es sind nicht nur Schokolade und Frietjes, die den ganz besonderen Flair dieser Stadt ausmachen.


Tag en tot ziens, Brugge.

Ich bin nicht verrückt!

Meine Mutter hat mich testen lassen.


(Sheldon Cooper - TBBT)

Kommentare 4

  • Ich bin echt kein Blog Fan aber der hier ist einfach nur genial. Vielen Dank!

  • Wow....das war bestimmt ein unvergessliches Erlebnis für Dich und Deine Frau! Vielen Dank für die schöne Beschreibung Eures "Abenteuers" - ich verspürte Gänsehaut, als ich Deine Zeilen las.

  • Kann man Euch nur (weiß) beneiden und herzlich beglückwünschen. Danke für die schöne Reportage.

  • Danke!

    Für alles, was du hier ge- und beschrieben hast.

    Es kommt nicht nur der Fußballfan durch und das gefällt mir sehr... ;-)